Offener Brief an eine gute Zenschülerin, mit ihrem Einverständnis:
Liebe Daniela,
Dein Bekannter hat ganz recht. Ein Bodhisattva ist ein erwecktes Wesen.
Er hat "Alles hinter sich", alle Illusionen, alle Wiedergeburten, wenn man es
so sehen möchte, und er könnte es sich für immer im Nirvana gemütlich machen.
Aber obwohl er es nicht nötig hätte, kehrt er in die Welt zurück, um aus
seinem großen Mitgefühl den Lebewesen zu helfen, die leiden.
Da Buddha der höchste Ausdruck der Bodhisattva-Einstellung war, ist "der
Bodhisattva" manchmal eine Bezeichnung für Buddha selber.
Die Lebewesen das Buddha-Dharma zu lehren, so daß sie sich selbst vom Leiden
befreien können, ist natürlich die allerbeste Hilfe!
Unser Leben ist kurz. Im Shushogi heißt es: Wir wissen nicht, auf welchen
Kraut am Straßenrand der Tau unseres schnell vergehenden Lebens fallen wird...
Was ist wichtig, was wollen wir damit tun? Bei der Bodhisattva-Ordination -
wieso sie nach dem höchstverwirklichten Wesen benannt ist, obwohl sie die
erste, die Anfangsordination, darstellt, wird im Folgenden gleich verständlich
- beschließt man, außer dem, was man sonst im Leben verwirklichen möchte, z.B.
Kunst, Familie, Beruf, Politik, Wissenschaft etc., Zazen zu praktizieren.
Man legt die vier Gelübte des Bodhisattva ab:
So zahlreich die Wesen auch seien,
ich gelobe sie alle zu retten.
So zahlreich die Leidenschaften auch seien,
ich gelobe sie alle zu überwinden.
So zahlreich die Dharma auch seien,
ich gelobe sie alle zu meistern.
So vollkommen ein Buddha auch ist,
ich gelobe ein Buddha zu werden.
Und man erhält die 10 "KAI" des Bodhisattva.
Weder "Gebote" noch "Vorschriften",
noch "Regeln", noch "Gesetze", sind eine gute Bezeichnung dafür. Deshalb lasse
ich "Kai". Im Lauf der Zeit versteht man dann, was es ist, eine Art
Verhaltensempfehlungen für ein einfaches, klares Karma.
Sie ähneln im Wortlaut den christlichen Geboten: nicht lügen, nicht stehlen,
keine schlechte Sexualität... sind aber nicht moralisch aufzufassen. Sehr
interessant ist es zum Beispiel, für sich allein darüber nachzudenken, welchen Kai man
Tendenz hat zu brechen und von da aus sein Leben zu ordnen (Ich persönlich
breche öfters den 10. Kai,: nicht nachlässig oder ironisch über das Dharma
reden. Das klingt harmlos, hat aber viele, sehr schlechte, Folgen.).
Während der Ordinationszeremonie wird jeder Kai vorgelesen, mit der Frage, ob
man ihn beachten will, und die zukünftigen Bodhisattvas sagen mit lauter
Stimme und in ihrer Muttersprache JA JA JA. (Manchmal erweisen sich da
interessante Muttersprachen.)
Außer den Gelübden und den Kai nimmt man auch noch Zuflucht zu den drei
Schätzen, Buddha, Dharma und Sangha.
Im Shushogi steht dazu: "Schnell Zuflucht nehmen zu den drei Schätzen von
Buddha, Dharma und Sangha bringt nicht nur Erlösung vom Leiden, es führt auch
zur Verwirklichung der Erweckung...
Wir nehmen Zuflucht zum Buddha, weil er ein großer Lehrer ist. Wir nehmen
Zuflucht zum Dharma, weil es gute Medizin ist. Wir nehmen Zuflucht zur Sangha,
weil sie ein exzellenter Freund ist.
Nur durch das Zufluchtnehmen zu den drei Schätzen werden wir Schüler des
Buddha. Welche Gebote, Gesetze, Vorschriften wir auch erhalten, sie stehen
doch immer unter den drei Schätzen...
Das Verdienst, zu Buddha, Dharma und Sangha Zuflucht zu nehmen, ist immer dann
erfüllt, wenn eine spirituelle Kommunikation von Bitte und Entsprechung da
ist, deshalb nehmen Devas, Menschen, Höllenbewohner, hungrige Geister und Tiere
alle Zuflucht."
Wir nehmen auch Zuflucht zu Buddha, Dharma, Sangha und sind Schüler Buddhas
ohne die Zeremonie der Bodhisattva-Ordination.
Es gab berühmte Schüler in der Geschichte der Weitergabe des Zen, die nicht
ordiniert waren. Vimalakirti gehört zu den herausragenden direkten Schülern
des Buddha, und er war Laie.
Besonders von Dir, Daniela, kann man sagen, das Du auch ohne Zeremonie schon
Bodhisattva bist, da große Hilfsbereitschaft zu deinen besonderen
Eigenschaften gehört. Dennoch sollte ich deine Frage, ob man mit der
Bodhisattva-Ordination ein besserer Zenschüler wird, schlicht mit "Ja"
beantworten.
Die Ordination hilft uns, unsere berechtigten guten Vorsätze hinsichtlich des
Weges auch zu praktizieren.
Herzliche Grüße
Anna Seisen
(Fortsetzung folgt.)